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Namentlich bekannte, in Adorf inhaftierte Kriegsgefangene

Für die Namen von Adorfer Kriegsgefangenen gibt es verschiedene Quellen. Eine davon sind die Gräber der russischen Gefangenen auf dem Adorfer Friedhof. Überlebende amerikanische Kriegsgefangene stellten eine Liste der Gefangenen aus ihrem Lager zusammen. Von den meist einzeln in Kleinbetrieben der Stadt arbeitenden französischen Kriegsgefangenen sind bis auf einen Fall nur noch manche Vornamen bekannt, genauere Recherchen waren zu ihnen sind daher sehr schwierig.

René Jaques
Der französische Kriegsgefangene wurde im Februar 1907 in einem kleinen Dorf in den Ardennen geboren und war zusammen mit anderen Franzosen im Saal des damaligen "Feldschlösschen" in der Markneukirchner Straße untergebracht. Von 1942 bis 1945 arbeitete er in der Fleischerei Alfred Geigenmüller, Schulstr. 1.   (Bild rechts, Anf. 1930er Jahre)
Dessen Enkelinnen berichten: Er erledigte alle anfallenden Arbeiten, seine Arbeitszeit war von 7 bis 18 Uhr, er konnte etwas deutsch. Er erhielt volle Verpflegung gemeinsam mit der Familie (was verboten war). Ebenso war verboten, was während dieser Zeit geschah: es entstand eine tiefe Freundschaft zwischen ihm und Familie Geigenmüller, die bis zu seinem Tod im Jahr 2001 anhielt. Mehrfach besuchte er Adorf, auch mit seinen Nachkommen. Am Familiengrab Geigenmüller ist noch heute ein kleiner Gedenkstein von ihm zu finden "A notre Amie" - "Für unseren Freund". Zeugnis dieser Freundschaft geben auch folgende Briefe von ihm an Familie Geigenmüller:

 

 

 

Michail Kowtun
Der auf dem Adorfer Friedhof begrabene Russe wurde am 06.08.1941 in Russland gefangengenommen und starb am 25.02.1942 im "Arbeitskommando Adorf". Vermutlich handelte es sich um das für russische Gefangene errichtete Kriegsgefangenenlager der Reichsbahn Am Kaltenbach. Dies ist auf seiner in der Dokumentationsstelle der Stiftung Sächsische Gedenkstätten archivierten persönlichen Kriegsgefangenen-Karteikarte vermerkt.
(oben links, klein mit Bleistift)

Frederick O. Scheer
Gefangenen-Nr. 83692
Der jüdische amerikanische Farmersohn aus Eatonton, Georgia, meldete sich freiwillig zum Kriegsdienst und wurde im Frühling 1943 eingezogen. Im Juli 1944 landete seine Einheit als Bestandteil von Nachschubtruppen in der Normandie. Hier wurde er in der Nähe der viel umkämpften Stadt St. Lo von den Deutschen gefangen genommen. Dass er Jude war, verschwieg er wohlweislich. Über das Lager Mühlberg (Stammlager IV-B) kam er im September 1944 in das Kriegsgefangenenlager der Reichsbahn in Adorf. Hier verrichtete er Zwangsarbeit für die Reichsbahn, reparierte Gleisanlagen in der näheren und weiteren Umgebung von Adorf, zum Beispiel am Eger-Viadukt oder auch in Plauen nach dessen Bombardierung. Kurz vor Kriegsende gelang ihm die Flucht aus dem Lager. Seine Erinnerungen an die Zeit im Zweiten Weltkrieg schrieb er in einem Buch nieder, mehr als 50 Seiten darin handeln von seiner Zeit in Adorf. Auch war er Mitherausgeber einer Sammlung von Berichten verschiedener ehemaliger Kriegsgefangenen ("POW Stories"), welche auch die Erinnerungen eines weiteren Adorfer Kriegsgefangenen, Albert Sprong, enthält. Aus Adorf zu hören freute ihn ungemein, eine Reise hierher ist aufgrund seines Alters nicht mehr möglich. Für die Zusammenstellung der Informationen zum Thema Kriegsgefangene und Zwangsarbeit in Adorf war er eine wertvolle Hilfe. Im Juli 2014 feierte Frederick O. Scheer seinen 90. Geburtstag. Er lebt mit seiner Familie in Atlanta.
>> Bericht von Frederick O. Scheer über seine Flucht aus dem Kriegsgefangenenlager der Reichsbahn in Adorf

Albert Sprong
Er war ein weiterer amerikanischer Gefangener im Reichsbahnlager Am Kaltenbach in Adorf. Er gehörte dem Arbeitstrupp an, der in der Gebrüder Uebel Fabrik arbeitete. Er blieb bis zur Räumung des Lagers in Adorf und gehörte zu den Adorfer Gefangenen, die in den letzten Kriegstagen nach Karlsbad marschieren mussten. Über seine Zeit im Kriegsgefangenenlager in Adorf schrieb er einen Bericht in dem Buch "POW Stories", dessen Mit-Herausgeber Frederick O. Scheer war. Außerdem gibt es ein Interview von ihm auf YouTube.
>> Übersetzung des Interviews von Arnold Sprong über seine Erinnerungen als Kriegsgefangener
>> Bericht von Arnold Sprong über seine Zeit im Kriegsgefangenenlager in Adorf

Fjodor Panassenko
Der aus Kalmykien stammende Soldat des Jahrgangs 1906 wurde am 30.09.1941 gefangengenommen und starb knapp vier Monate später laut seiner Kriegsgefangenen-Personalkarte im Reichsbahn-Arbeitskommando Kürbitz. Weshalb er in Adorf begraben wurde, ist unklar.

Grigorij Tschernyschew
Der Ukrainer wurde zwei Wochen nach dem deutschen Einmarsch in die Sowjetunion bei Grodno gefangengenommen (zu diesem Zeitpunkt von Stalin im in die Sowjetunion eingegliederten Gebiet Polens, heute Weißrussland) und starb am 09.01.1942 mit 24 Jahren im "Arbeitskommando Adorf". Wie die meisten der in Adorf bestatteten russischen Soldaten war er vermutlich ein Opfer des strengen Winters. Erhalten ist seine Kriegsgefangenen-Personalkarte.

Roy F. Hopper
Im September 2013 besuchten zwei Amerikaner Adorf auf der Suche nach dem Standort des Kriegsgefangenenlagers an der Bahn, in dem ihr Freund in den Jahren 1944/1945 gewesen war. Die Beschreibung lautete: "Adorf, Sachsen, südlich von Plauen, neben Bahngleisen". Über die Lage eines Lagers an der Bahn war nur grob "unten am Maschinenhaus" bekannt, näheres konnte man den amerikanischen Besuchern weder zeigen noch erzählen.
Diese Begebenheit war der Ausgangspunkt für die Recherchen zum Thema Kriegsgefangene, Lager und Zwangsarbeit in Adorf. Roy F. Hopper war nun 87 Jahre alt und nicht mehr reisefähig, kann sich jedoch an einiges erinnern. Er arbeitete in einem Eisenbahnarbeitstrupp des Kriegsgefangenenlagers der Reichsbahn am Kaltenbach.
Kurz vor Kriegsende konnte Roy F. Hopper flüchten und traf zu seinem Glück auf amerikanische Truppen. Im Jahr 2012 wurde er bei einer Veteranenveranstaltung als ehemaliger Kriegsgefangener und Veteran des Zweiten Weltkrieges von Laura Bush geehrt.

George Chapman
Der australische Kriegsgefangene traf im Gefangenenlazarett im Scheerbaum-Anwesen am Kaltenbach auf den amerikanischen Gefangenen Frederick O. Scheer, mit dem er kurz vor Kriegsende mit Hilfe des französischen Lazarett-Arztes gemeinsam die Flucht wagte. Nachzulesen ist dies in den Erinnerungen an die Flucht aus dem Adorfer Kriegsgefangenenlager von Frederick O. Scheer. In welchem Lager George Chapman eigentlich untergebracht war und wo er arbeiten musste, ist nicht bekannt.

Pat Horne
Der Kriegsgefangene aus Neeseeland traf ebenfalls im Gefangenenlazarett im Scheerbaum-Anwesen am Kaltenbach auf Frederick O. Scheer, mit dem er, begleitet von dem Australier George Chapman, die Flucht wagte. Nachzulesen in den Erinnerungen an die Flucht aus dem Adorfer Kriegsgefangenenlager von Frederick O. Scheer.

Reuben Olsen
Gefangenen-Nr. 50331
Der Kriegsgefangene aus den USA verbrachte mehrere Monate im Gefangenenlager der Reichsbahn am Kaltenbach. Auf einer Postkarte in die Heimat bezeichnet er das Lager als "A 97", was "Arbeitskommando 97" bedeutet.

Weitere amerikanische Kriegsgefangene
Einzelne der überlebenden amerikanischen Kriegsgefangenen aus dem Reichsbahnlager am Maschinenhaus hielten Kontakt. Vor einigen Jahren trugen sie aus dem Gedächtnis eine Liste der im Lager inhaftierten Gefangenen zusammen. Alle der 80 Gefangenen konnten nicht rekapituliert werden, aber viele weitere Namen stehen auf dieser Liste. "POW" ist die in den USA gebräuchliche Abkürzung für Kriegsgefangene ("prisoner of war").

Weshalb der Name Paul Schaufuss, Karlsgasse 3, ganz oben auf der Liste vermerkt ist, ist unklar. Von den heute noch lebenden ehemaligen Gefangenen kann es keiner mehr sagen. Es ist anzunehmen, dass er bei der Bahn war und Kontakt mit den Gefangenen aus dem Lager hatte.

Die folgende Liste wurde ebenfalls von ehemaligen Gefangenen erstellt. Sie ist zum Teil sortiert nach den Arbeitsgruppen, in die die Gefangenen eingeteilt waren. "U" bedeutet Uebel-Fabrik, "R" bedeutet Eisenbahn ("Railroad"), "F" steht für "Fabrik" ("Factory"). Welche Fabrik damit gemeint ist, ist unklar. "Roundhouse" heißt Lokschuppen.

Wassilij Bulkin
Mit 22 Jahren starb der Russe, dessen Kriegsgefangenen-Personalkarte ebenfalls erhalten ist. Ein Sterbeort ist nicht vermerkt, aber begraben ist er in Adorf.

Weitere sowjetrussische Kriegsgefangene
Sieben weitere Kriegsgefangene aus Sowjetrussland sind in Adorf begraben, ohne dass von ihnen mehr bekannt ist, als Geburts- und Sterbedatum (und manchmal nicht einmal dies vollständig. Ihre Namen lauten:
Semjon Gojedow, Fjodor Gewssum, Nikonor Djedow, Alexandr Kosorew, Konstantin Rubzew, Wladimir Tschanshaw, Jakow Schkajew.
In einem Grab liegt ein Kind, vermutlich das einer Ostarbeiterin.

Alexander Nicola
Er ist der einzige in Adorf begrabene Soldat, der nicht aus Sowjetrussland kam oder ein deutscher Soldat war. "Rumänischer Soldat" steht kaum noch lesbar auf seinem Grabstein. Über Rumänen in Adorf ist nichts bekannt. Allerdings spricht einiges dafür, dass er derjenige Soldat war, der in den letzten Kriegstagen am Scheerbaums-Teich (Kaltenbach) bei einem Fliegerangriff umkam. Maria Scheerbaum berichtet von dem tragischen Vorfall: "Wie immer bei Luftalarm saßen wir (Familie Scheerbaum) zusammen mit allen anderen bei uns einquartierten Leuten, also auch dem Arzt und den Kriegsgefangenen aus dem Lazarett, im Keller und warteten. Ein junger Soldat hielt es im Keller nicht mehr aus und rannte, obwohl wir ihn beschwörten hierzubleiben, nach draußen. Er kam aus irgendeinem osteuropäischen Land. Oben am Teich wurde er tödlich getroffen. Hier wurde er auch begraben, später allerdings auf den Friedhof umgebettet." Es ist möglich, dass Alexander Nicola dieser junge Soldat war.

Mit freundlicher Unterstützung von Klaus-Peter Hörr, Maria Scheerbaum, Christa Waldmann, Gudrun Piering, Frederick O. Scheer, Wayne Sartain und John Phillis - vielen Dank!

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