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Flucht, Flucht, Flucht

Bericht des ehemaligen jüdischen amerikanischen Kriegsgefangenen Frederick O. Scheer, inhaftiert im Kriegsgefangenenlager der Reichsbahn, Am Kaltenbach in Adorf über seine Flucht aus dem Lager.

Ich genoss einen wunderschönen Sonntagmorgen, es war im April 1945 und wir Kriegsgefangenen im Lager in Adorf, Deutschland, freuten uns an unserem freien Tag. Es war festgelegt, dass wir sonntags nicht arbeiten mussten. Also taten wir Dinge wie Kleidung waschen und einfach ausruhen. Einige von uns sprachen darüber hinauszugehen, um sich auf dem bisschen grünen Gras auszustrecken, das vor den Baracken zu wachsen begann. Es war noch ein wenig zu kalt für mich um ein Sonnenbad zu nehmen, aber diese Männer waren Yankees, sie wussten es nicht besser.  
[Es muss der 15. April gewesen sein, siehe Bericht von Reiner Thomae]

Plötzlich hörten wir das Geräusch von Nordwesten herannahender Flugzeuge. Wir wussten sofort, dass dies keine deutschen Knatterkisten waren, sondern richtige Flugzeuge. Als der Motorenlärm immer lauter wurde, konnten wir Maschinengewehrfeuer durchsetzt mit dem Wummern der begleitenden 20 mm Kanonen hören, mit denen von den Flugzeugen gefeuert wurde. Obwohl wir monatelang fern von der Schlacht gewesen waren, erkannten wir einen Tieffliegerangriff fliegende Flugzeuge in dem Moment, als wir sie hörten. Eine Maschine würde sich dem Ziel nähern, eine Salve abfeuern, hochziehen und abdrehen, um dann erneut anzufliegen. Der Klang war unmissverständlich. Wie auf Stichwort warfen wir uns alle zu Boden und suchten Deckung. Wenn wir gekonnt hätten, hätten wir uns in einer Ritze im Boden versteckt, und davon gab es viele. Ich fand mich unter einem Tisch im Aufenthaltsraum wieder und sah zu meinem Freund Reuben Olson, der sich in einer einzigen Bewegung fallengelassen hatte, als ob er jeden Moment auf diese Notwendigkeit gewartet hätte.

Das Lager war in der Nähe eines Rangierbahnhofs und eines Reparaturgeländes mit einem Lokschuppen. Unsere Sicht darauf war durch einen Bahndamm versperrt, so dass wir nicht sehen konnten, was vor sich ging.

Im Vorderung die Lagerbaracken, dahinter der Bahndamm und das Bahnbetriebswerk
Foto datiert auf Nov. 1942, zu diesem Zeitpunkt befanden sich hier russische Kriegsgefangene
(Sammlung Fam. Bruno und Ehrhard Günther)

Wir waren unsicher, was genau das Ziel des Tieffliegerangriffs war, aber das Dröhnen war unheilvoll. Später wurde offensichtlich, dass das Ziel der Bahnbetriebshof gewesen war, besonders der Lokschuppen und die verschiedenen Loks, die dort zur Wartung und Reparatur abgestellt waren. Es war unmöglich das Ausmaß der Schäden zu sehen, aber es war klar, dass keine der Loks mehr fahren konnte. Aller Wahrscheinlichkeit nach würden in diesem Gebiet überhaupt keine deutschen Züge mehr fahren, denn alles was sich bewegte wurde von den amerikanischen Fliegern beschossen. Als der deutsche Lagerkommandant den Beginn des Tieffliegerangriffs hörte, rannte er aus seinem Büro und öffnete das Tor zum Gelände, als würde er den Gefangenen eine Möglichkeit zur Flucht anbieten wollen, rannte zurück in sein Büro und versteckte sich unter dem Ofen. Ein deutscher Soldat, der in einem Turm am Lokschuppen stationiert war, lehnte sich mit einer Art Automatikgewehr aus dem Fenster und versuchte eine Verteidigung. Er brachte kein Flugzeug zum Absturz, aber offenbar machte er sie auf sich aufmerksam, denn sein Fenster war umgeben von 20 mm-Kanonen- und 50-Kaliber Einschusslöchern.

Blick vom Bahndamm der Lagerseite auf den Lokschuppen. Das Lager befand sich allerdings noch unterhalb, so dass man vom Lokschuppen nur das Dach sehen konnte. Foto: A. Goßler, April 2014

Er war nach einigen Minuten vorbei und das Flugzeug flog davon. Nachdem sich der Lärm gelegt hatte und wir herauskletterten von wo auch immer wir Deckung gefunden hatten, brach simultan ein wildes Lachen aus jeder Ecke des Raums aus. Wir konnten nicht aufhören. Es war wild und dauerte ungefähr 20 Minuten, bis einer fragte: „Was passiert hier, was sollen wir tun?“

Während wir uns beruhigten erkannten wir, dass das, was am Lokschuppen passierte, genauso gut im anderen Teil unseres Lagers Stalag IV-F geschehen sein konnte. Wir rasten nach draußen. Alle Kriegsgefangenen strömten aus den Baracken und alle Wärter und der Lagerkommandant eilten aus dem Wachgebäude. In der ganzen Aufregung fühlten wir uns nicht wie Wachen und Gefangene. Wir bewohnten alle denselben Ort und waren gemeinsam hier drin. Wie sahen uns um und merkten, dass an den Gebäuden kein Schaden entstanden und niemand verletzt worden war, ein Fakt, der uns allen einen Seufzer der Erleichterung brachte. Wir fanden einen Querschlägereinschlag in der Mitte des Appellplatzes, aber das war alles. Die Männer, die diese P-51er flogen, mussten gewusst haben, dass wir hier unten waren.

Nach dem Angriff hielten wir eine Reihe von Treffen ab - ohne das deutsche Wachpersonal – mit dem Ziel, Schutzmöglichkeiten zu planen für den Fall, dass Bodentruppen sich dem Lager nähern würden. Wir wollten nicht ins Kreuzfeuer zwischen herannahenden Alliierten und deutschen Verteidigern geraten. Alle möglichen Ideen kamen auf. Eine war, Schützengraben oder Schützenlöcher auf dem Appellplatz und entlang des Zauns auszuheben. Eine andere bestand darin, den Abort auszuschaufeln, da hier bereits schwere Balken um eine Ausgrabung herum vorhanden waren. Aber das war eine „stinkige“ Idee, also ließen wir sie fallen. Wir beschlossen auch, dass es gut wäre eine Wache aufzustellen, so dass wir wissen würden, wenn Verteidigungsmaßnahmen zu ergreifen waren.
Nicht lange nachdem wir begonnen hatten diese Treffen abzuhalten, versammelten die deutschen Behörden alle Lagerinsassen und brachten uns vom Lager in ein nahegelegenes Waldgebiet, wo wir fast den ganzen Tag blieben. Es ist schwierig zu sagen, warum sie uns evakuierten, aber vermutlich tatsächlich, um die Gefangenen für den Fall eines erneuten Angriffs auf das Bahnbetriebswerk zu schützen. Es war gut möglich, dass die Deutschen befürchteten, dass die amerikanischen Flieger wiederkommen und das Gebiet erneut beschießen würden. Später am Nachmittag tauchte ein Kontingent der Hitlerjugend auf. Es waren Jungen, Teenager oder jünger, gekleidet in schwarze Uniformen mit Hakenkreuzbinden am linken Arm, die Automatikgewehre trugen. Sie waren ein furchteinflößender Haufen, es war offensichtlich, dass sie absolut indoktriniert waren. Wenn man diese Kerle nur ansah wusste man, dass sie nur nach einer Gelegenheit suchten, um zu sehen wie es sein würde, diese Automatikwaffen auch zu benutzen. Also kam die Botschaft bei uns an und wir befolgten die Anweisungen dieser jungen Schlägertypen, als sie uns zurück ins Lager trieben.

Im April 1945 begannen die Deutschen offenbar den gewaltigen Druck durch die Alliierten, die von Westen kamen, und die russischen Kräfte, die sich durch Polen und die Tschechei von Osten her näherten, zu spüren. Es war, als ob sie in einer massiven Schraubzwinge zerquetscht würden. Als die Russen vorrückten und sich den Kriegsgefangenenlagern näherten, nahmen die Deutschen die Gefangenen aus den Lagern heraus, formten Marscheinheiten und ließen sie nach Westen marschieren. Im Westen, auf der anderen Seite, wo die Alliierten herankamen, schafften sie die Gefangenen weg und ließen sie auf den Landstraßen Richtung Osten marschieren. Es war ein immerwährender Strom von Gefangenen auf den Straßen, die in den Hauptgegenden der deutschen Kriegsgefangenen-Stammlager zusammen kamen. So blieb es, der Druck wurde größer und größer, bis zur Befreiung im April und Mai. Aber ich war nicht dabei, als die Befreiung stattfand, und auch nicht bei den Märschen. Anscheinend planten die Deutschen uns auch alle aus dem Lager auf die Landstraßen zu schicken.

Nachdem wir von der Hitlerjugend zurück ins Lager gebracht worden waren, traf der Lagerkommandant Vorkehrungen, um genau das zu tun. Als wir draußen im Wald waren, hatte sich an meinem linken Fuß jedoch eine wunde Stelle gebildet. Ich bat den Lagerkommandanten um Erlaubnis, in das nahegelegene Lazarett gehen zu können. Ich erzählte ihm von meinem wunden Fuß und dass ich kaum laufen könne. Er muss gedacht haben, dass ich von einem Wachmann begleitet wurde, und so sagte er: „Geh nur.“ Da war keine Wache, also ging ich einfach. Das Lazarett war eine kleine Einrichtung, die von einem französischen Arzt und einem französischen katholischen Priester betrieben wurde. Das Lazarett, das sich in der Nähe des Lokschuppens befand, war von den Deutschen eingerichtet worden und war die medizinische Hauptversorgung für alle Kriegsgefangenen ringsum, außer für die Russen.

In diesem Gebäude auf dem Anwesen der Familie Scheerbaum befand sich das Lazarett (oben über den Garagentoren), Foto: A. Goßler, Okt. 2013

Es war barackenähnlich, mit einem Behandlungsraum am einen und einem Aufenthaltsraum am anderen Ende, dazwischen eine Reihe Doppelstockbetten. Als ich eintraf, behandelte der Arzt die Entzündung mit Medikamenten und bandagierte meinen Fuß. Es war eigentlich keine große sehr Wunde, ich konnte meinen Schuh anziehen und ohne große Schmerzen gehen. Der Doktor fragte mich, ob ich im Lazarett bleiben wolle und ohne mit der Wimper zu zucken, sagte ich: „Aber sicher!“ Ich bekam ein Bett neben dem Behandlungsraum zugewiesen. Es gab etwa 15 bis 20 andere Gefangenen-Patienten, darunter mehrere Amerikaner und auch Australier, Neuseeländer und britische Soldaten. Niemand schien ernsthaft krank zu sein.

An diesem Abend kamen nach Einbruch der Dunkelheit zwei deutsche Soldaten und sprachen mit dem Arzt. Ich war mir sicher, dass sie nach mir suchten, also lag ich ruhig in meiner Koje und rührte mich nicht. Die Franzosen sagten den Deutschen, ich sei nicht hier. Am nächsten Morgen erzählten sie mir, was passiert war. Zu meiner Freude hatte ich ein Heim gefunden, wenigstens für eine kleine Weile.

Am nächsten Morgen beschlossen ein anderer Amerikaner und ich einen Spaziergang zu unternehmen. Wir gingen runter in die kleine Stadt Adorf. Niemand schien sich für uns zu interessieren als wir durch die Straßen wanderten, und so gingen wir einfach weiter, als ob wir hier hingehörten. Während wir gingen und Ausschau nach was auch immer hielten, beschlossen wir unser Glück bei einem der Häuser zu versuchen. Ein Haus, das etwas abseits der anderen stand, sagte uns zu. Es war ein kleines, eingeschossiges Gebäude mit wahrscheinlich zwei Zimmern und den anderen Räumen, die gewöhnlich in so einem Haus zu finden waren. Wir liefen hintenherum, klopften an die Hintertür und wurden von einer älteren deutschen Hausfrau begrüßt. Sie bat uns herein, um uns etwas zu Essen zu geben. Sie sprach kein Englisch, aber mit Zeichensprache funktionierte es, und so gingen wir höflich hinein. Gerade als sie sich anschickte uns etwas zu essen zu machen, sah sie etwas durch das vordere Fenster und wurde plötzlich weiß wie ein Gespenst. Mein Kamerad sah es auch. Er beugte sich zu mir rüber und flüsterte: „Da draußen sind welche von der Hitlerjugend!“. Wir schlüpften leise aus der Hintertür und machten uns auf zum Lazarett zurück. Dabei hofften wir, dass die Dame ihre Freundlichkeit uns gegenüber nicht mit Misshandlungen durch diese widerlichen kleinen Hitlerjugendtypen bezahlen musste. Als wir wieder in das kleine Krankenhaus hereinkamen trafen wir zwei deutsche Soldaten, die gerade gingen. Einer schaute auf mein unrasiertes Gesicht und fragte „Kein Messer?“. Ich sah ihn nur an, zuckte mit den Schultern und ging weiter.

Am nächsten Morgen rief der französische Arzt alle Patienten im Aufenthaltsraum zusammen und sagte uns, er habe vor, vier von uns in eine Reichweite von einem Kilometer zur Frontlinie zu bringen. Dann nahm er einen Satz Spielkarten heraus und breitete sie mit dem Kopf nach unten auf den Tisch und forderte uns auf, jeder eine Karte zu ziehen. Die vier höchsten Karten würden darüber entscheiden, welche vier von uns ihn begleiten würden. Nun ratet, wer eine der vier höchsten Karten zog: ich, außerdem ein britischer Soldat, ein Neuseeländer und ein Australier. Am nächsten Morgen nach dem Frühstück brachen wir vier mit ihm zu Fuß auf, westwärts in Richtung Front. Die Tatsache, dass wir alle von unterschiedlicher Nationalität waren, war reiner Zufall. Vorsichtig umging der Arzt ungeschützte Flächen. Er vergewisserte sich, dass wir keine Rucksäcke oder sonstige Packen dabei hatten, die verdächtig sein könnten; wir konnten nur mitnehmen, was in unsere Hosentaschen passte.

Wir waren mindestens eine Stunde unterwegs, vielleicht zwei. Schließlich kamen wir zu einem dicht bewaldeten Gebiet, durch das wir eine Weile wanderten, bis wir tief im Wald waren. Dort begegnete uns eine Gruppe von 15 bis 20 französischen Kriegsgefangenen, die aus ihrem Lager geflohen waren. Sie waren auffallend laut und ausgelassen, bepackt mit persönlichen Dingen. Sie hatten Taschen, Töpfe und Schüsseln, Beutel und alles Mögliche dabei, was man sich nur denken konnte. Wir fragten uns, wie sie überhaupt von irgendwo hatten entkommen können, außer vielleicht aus einem Zirkus. Der Arzt sagte uns, wir sollten den französischen Flüchtlingen folgen, da wir uns nun nur noch einen Kilometer von der deutschen Frontlinie befänden, sie würden uns rausführen. Und so taten wir, wie er uns gesagt hatte. Wir waren so weit mit ihm gekommen, also dachten wir „Was soll’s!“. Wir gingen also mit den Franzosen mit und die ganze Gruppe ging weiter durch das Waldgebiet. Die Franzosen waren so laut wie eine Herde Elefanten. Trotzdem gingen wir weiter mit ihnen.

Nachdem wir vielleicht 15 oder 20 Minuten mir ihnen gegangen waren, erreichten wir eine große Lichtung. Als wir herankamen, schien alles ruhig zu sein – außer unseren französischen Begleitern. Wir konnten ein breites, freies Feld sehen, das von irgendwelchen niedrig wachsenden Pflanzen bedeckt war, Gras oder Getreide. Über dem Feld war ein weiteres Waldgebiet. Wir hatten vor, es über das Feld bis zum Wald auf der anderen Seite zu schaffen. Die Franzosen stürmten auf die Lichtung, als ob sie zum Sonntagspicknick unterwegs wären. Als der letzte der Gruppe den Rand der Lichtung erreichte, hörten wir ein durchdringendes „HALT! HALT!“ Wir erstarrten alle. Die Bedeutung dieser Worte kannten wir nur zu gut. Wir drehten uns um und erkannten auf der Stelle, dass unsere Flucht uns durch einen Haufen verborgener deutscher Schützenlöcher geführt hatte. Wir waren durch einen deutschen Vorposten geflüchtet. Die Deutschen strömten aus ihren Löchern und kesselten uns ein wie Vieh. Nachdem sie uns gemustert und entschieden hatten, dass wir harmlos waren und nichts hatten, was sie haben wollten, geleiteten sie uns hinter den Vorposten. Zwei oder drei Infanteriesoldaten bewachten uns, als sie uns nach Osten zurück brachten. Bald erreichten wir ein kleines Schulhaus und wurden alle hineinbeordert. Wir wurden in die Aula gebracht und man sagte uns, dass wir hier zu bleiben hätten, bis jemand uns abholen käme. Die Aula hatte vorn eine kleine Bühne, davor gab es Sitzplätze für etwa 50 Schüler. Wir wurden gemeinsam mit den Franzosen in den Sitzreihen platziert. Eine andere Gruppe wieder eingefangener Flüchtiger wurde auf der Bühne untergebracht. Es waren tschechische oder polnische Zwangsarbeiter, die zu fliehen versucht hatten. Diese Gruppe war beladen mit allen möglichen persönlichen Besitztümern. Unverzüglich nachdem die deutschen Soldaten den Raum verlassen hatten, stahlen sich die Leute von der Bühne leise aus dem Schulhaus, all ihre Sachen ließen sie zurück. Der letzte von ihnen war kaum zur Türe hinaus, als unsere Franzosen auf die Bühne sprangen und sich durch das ganze zurückgelassene Hab und Gut wühlten, um etwaige Schätze ihren eigenen, gut gedeihenden Sammlungen von Dingen hinzuzufügen. Während die Franzosen den ganzen Krimskrams durchsuchten, schlüpften wir leise aus dem Schulhaus und machten uns auf zurück zum Lazarett.

Als wir die Straße entlangwanderten bemerkten wir eine Frau, die vor einem Haus auf der rechten Straßenseite stand. Sie sah uns und winkte uns zu ihr rüberzukommen. Das taten wir. Als wir sie erreichten, fragte sie in einem kehligen Akzent: „Wollt ihr etwas Milch?“ Wollten wir? Natürlich wollten wir, wer nicht? Wir waren immer bereit etwas zu essen oder trinken und gaben ihr zu verstehen, dass wir liebend gern etwas Milch trinken würden. Dir Frau führte uns ums Haus herum, langte nach unten und hob eine eingelassene hölzerne Abdeckung vom Boden. Es stellte sich heraus, dass es der Deckel eines großen Tontopfes war, der in die Erde eingegraben war. Sie nahm eine Schöpfkelle in die Hand und schöpfte kalte, frische Milch, die sie uns anbot und die wir mit großem Genuss tranken. Wir bedankten uns bei ihr und machten uns wieder auf den Weg.

Ein kurzes Stück später kamen wir an einer deutschen Feldküche vorbei. Die Deutschen hatten eine Schlange wie in einer Cafeteria gebildet, das Essen wurde an sie ausgegeben, als sie vor einer Reihe von Serviertöpfen vorbeikamen. Inzwischen waren wir ziemlich wagemutig geworden, also gingen wir hin, nahmen uns Metallteller und Besteck, machten unseren Weg durch die Schlange und erhielten ein köstliches, heißes deutsches Essen. Die Deutschen schienen sich nicht um uns zu kümmern und ließen uns absolut in Ruhe. Nachdem wir das Essen erhalten hatten, fanden wir einen schönen Platz etwas abseits von den deutschen Soldaten. Wir setzten uns auf den Boden und aßen unser Mittagessen. Als wir fertig waren, stellten wir das Geschirr an die dafür vorgesehene Stelle, winkten leicht ein Dankeschön und sagten auf Wiedersehen. Als wir zurück zur Straße gingen, kam einer der deutschen Soldaten zu uns rüber und bedeutete uns stehenzubleiben. Ich dachte: „Oh, oh, wir sind in Schwierigkeiten…“ Aber es stellte sich heraus, dass er uns warnen wollte, in gebrochenem Englisch sagte er: „Ihr solltet abseits der Straße gehen. Es sind welche von der SS in der Gegend, die geflohene Kriegsgefangene sofort erschießen.“ Wir bedankten uns für seine Hilfe und Warnung und gingen los. Obwohl diese Information uns einige Sorge bereitete, hörten wir nicht darauf, sondern blieben auf der Straße und fanden so letztendlich den Weg zurück in unser Lazarett.

Als wir endlich dort ankamen, war es fast finster. Der französische Arzt begrüßte uns und fragte, was in aller Welt denn passiert sei. Wir erzählten ihm alles, was geschehen war, worauf er erwiderte: „Krieg ist Krieg!“ Dann sagte er: „Ok, dann kommt rein, eure alten Betten warten auf euch.“ Wir vier traten ein, fanden noch etwas übriggebliebenes Essen und gingen dann in unsere Betten, wo wir gut schliefen.
Am nächsten Morgen zum Frühstück, als ich mit dem Australier George Chapman und dem Neuseeländer Pat Horne zusammen saß, sprachen wir über unser Abenteuer vom Vortag. Meine beiden Gefährten waren schon drei Jahre früher in Nordafrika gefangengenommen worden, so hatten sie mir mehr als zwei Jahre als Kriegsgefangener voraus, aber letztlich machte das keinen Unterschied. Als wir die Geschehnisse des vorherigen Tages noch einmal durchgingen, erkannten wir, wie einfach das ganze Ding eigentlich ohne die Franzosen gewesen wäre. Wir überlegten, ob wir es nicht noch einmal versuchen sollte. Je mehr wir redeten, desto mehr kamen wir überein, dass wir das Land in der Umgebung des Camps ganz gut kannten. Wir wussten, wo der deutsche Vorposten war und wo sich die deutschen Linien befanden. Und wir glaubten, wir könnten es auf eigene Faust schaffen – und erfolgreicher als den Tag vorher. Wir sprachen darüber, ob wir den Briten fragen sollten, ob er es noch einmal mit versuchen wollte, und das schien nur fair. Aber er sagte, einmal sei ihm genug.

Also brachen wir auf, wieder in Richtung Westen auf derselben Route, die wir mit dem französischen Arzt am Vortag genommen hatten. Als wir die Stelle im Wald fanden, wo wir die Franzosen getroffen hatten, konnten wir noch Spuren dieser Elefanten sehen. Wir hielten an und sahen uns um, um den deutschen Vorposten auszumachen, und bewegten uns dann weiter. Wir waren viel vorsichtiger dieses Mal. Wir gingen sehr bedächtig, verstohlen und mit gemeinsamem Bestreben so leise und unauffällig wie möglich. Unsere alten Infanterieregeln fielen uns wieder ein. Wir kamen bald zum Rand des Waldes, den wir gestern durchquert hatten. Nur war und diesmal voll bewusst, dass sich ein deutscher Vorposten am östlichen Waldrand befand, also wanderten wir weit nach rechts und um die Stelle herum. Kurz darauf erreichten wir die Lichtung, aber etwa 600 m weiter östlich von dem Ort, wo sie uns erwischt hatten. Aber jetzt kam uns dieser Aufklärungseinsatz des Vortages zugute. Nur um sicherzugehen, hielten wir am Waldrand an, bevor wir auf die Lichtung hinaustraten, um nicht noch einmal in die gleiche Falle zu tappen.
Die Lichtung selbst war ein Feld, das früher bebaut, aber in letzter Zeit offenbar nicht gepflügt worden war. Es war mehrere hundert Meter breit und wir schätzten, es würde im normalen Schritttempo etwa 10 bis 15 Minuten dauern es zu überqueren. Bevor wir den ersten Schritt taten, berieten wir uns und beschlossen, dass es drei Möglichkeiten gab. Wir könnten in den Rücken geschossen werden, ein deutscher Soldat könnte uns sehen, anhalten und wieder in Gefangenschaft nehmen oder wir würden es sicher auf die andere Seite schaffen. Wir fühlten uns beklommen, aber entschlossen uns dann, wir wollten ja zu den amerikanischen Linien. Einmal mehr sagten wir uns: „Was soll’s!“ Wir begannen das Feld im Gänsemarsch zu überqueren. Wir rannten nicht, wir gingen auch nicht besonders schnell oder langsam, wir schritten einfach stetig voran zum westlichen Ende des Feldes, als ob wir nicht erwarten würden, dass etwas passieren könnte. Und es passierte auch nichts.

Als wir den Wald auf der anderen Seite erreicht hatten, entschieden wir uns für eine kleine Rast, auch, um uns umzusehen. Wir ließen uns fallen und entdeckten ein kleines Städtchen, den Hügel zu unserer Linken hinunter. Zu unserer Rechten im Westen sahen wir eine Autobahn, die uns die weite Welt und Sicherheit verhieß. Wir dachten, es sei keine gute Idee in die Stadt zu gehen, da sie in der gleichen Linie zu liegen schien wie der deutsche Vorposten, den wir gerade umrundet hatten. Sicher gäbe es da deutsche Soldaten. (Später erfuhren wir, dass tatsächlich Soldaten in dem Städtchen waren, allerdings amerikanische.)
Also machten wir uns auf in Richtung Autobahn. Aber wiederum sollte es nicht sein. Gerade als wir sie erreichten und begonnen hatten, sie zu überqueren, hörten wir eine laute, barsche deutsche Stimme, die uns von der rechten Seite her anschrie. Wir drehten uns um und sahen einen deutschen Soldaten mit einer Maschinenpistole über der Schulter uns zu ihm rüber winken. Wir konnten nicht viel machen außer dem nachzukommen. Er war ein junger Kerl in unserem Alter und nicht übermäßig feindselig. Nachdem er uns klargemacht hatte, dass wir seine Gefangenen waren und er uns zu seinem Befehlshaber bringen würde, wurde er recht gesprächig. Er bedeutete uns ihm zu folgen, was wir auch taten. Kurze Zeit später fanden wir uns in einem deutschen Feldlager wieder, wo er uns befahl zu warten, während er mit seinem Vorgesetzten sprach, was mit uns geschehen solle. Ich fand es interessant, dass keiner der vielen Soldaten, die dort hin und her rannten, uns überhaupt zu bemerken schien, während wir da standen und auf unser Schicksal warteten. Nach ein paar Minuten kam er wieder und sagte: „Komm, komm!“

Wir wussten nicht, wo uns der Soldat hinbrachte, aber wir gingen mit ihm. Eigentlich schlenderten wir vier einfach nebeneinander her. Er probierte sein Englisch bei uns, und wir versuchten ihn zu überreden sich uns zu ergeben. Was konnten wir sonst versuchen? Überall waren deutsche Soldaten. Während wir die Landstraße entlang wanderten begannen wir vier – ein Deutscher, ein Amerikaner, ein Australier und ein Neuseeländer- die Art Unterhaltung, wie man sie von jungen Kerlen wie uns erwarten konnte. Ich sagte zu dem Deutschen: „Weißt du, der Krieg ist so gut wie zu Ende. Warum kommst du nicht einfach mit uns? Bei uns kommst du am Ende besser weg als bei den Deutschen. Wenn du hier bleibst, könntest du beim Vormarsch der Amerikaner noch getötet werden.“ Er lachte nur und sagte: „Ja, das wäre vielleicht keine schlechte Idee, aber in ein paar Wochen werde ich zurück nach Berlin auf Heimaturlaub gehen und meine Liebste sehen. Und ich werde viel lieber bei ihr, als bei euch sein.“

Bei Einbruch der Dunkelheit erreichten wir ein kleines Dorf und der Deutsche nahm seine drei Kriegsgefangenen ins Ortszentrum zu einem Gebäude, das das örtliche Gefängnis zu sein schien und übergab uns dem diensthabenden Wachtmeister. Der Wachtmeister begrüßte uns und nahm uns in seine Obhut, der Soldat winkte zum Abschied und machte sich auf zu seiner Einheit. Der Wachmann brachte uns in das Gefängnis und gab uns zu verstehen, dass wir in eine Zelle mit drei Schlafstellen gehen und uns niederlegen sollten. Wir befolgten seine Anweisungen ohne die leiseste Idee, was uns am nächsten Tag erwarten würde. Der Wachtmeister schob den Riegel vor, aber schloss nicht ab und ging. Am nächsten Morgen, an einem wunderbaren Frühlingstag, weckte uns derselbe Wachmann. Wir tranken eine Tasse Kaffee mit ihm, verabschiedeten uns und gingen lässig hinaus, als ob uns dieser Ort gehören würde.

Wieder gingen wir gen Westen, keiner lief uns über den Weg. Niemand sprach zu uns oder versuchte uns anzuhalten. In diesen letzten Apriltagen 1945 war es für jeden offenkundig, dass der Krieg bald vorbei und die Alliierten die Sieger sein würden. Es gab keine richtigen Gefechte mehr hier. Natürlich gab es Fanatiker auf dem Land, aber die meisten Deutschen, denen ich begegnet war, waren nicht so. Die waren nicht feindselig oder darauf aus Amerikaner umzubringen, nur um sie umzubringen. Eher taten sie alles, was sie konnten dafür, uns zu überzeugen, dass sie eigentlich keine Nazis, sondern vielmehr für die Amerikaner waren. Aber wenn man das glaubt, bin ich der Kaiser von China.
Wir drei Flüchtenden stapften, uns nach der Sonne richtend, weiter Richtung Westen. Die Sonne würde in Deutschland wohl genauso im Osten auf- und im Westen untergehen wie daheim in Eatonton (hier kam mein jugendliches Pfadfinderwissen ins Spiel). Wir wussten wirklich nicht genau, wo wir waren, wir gingen einfach immer weiter westwärts in der Annahme, dass wir früher oder später auf amerikanische Truppen stoßen mussten. Aufmerksam mieden wir Straßen und hielten uns an Felder, die einmal zu Bauernhöfen gehört haben mussten. Ich erinnere mich, wie wir durch ein Feld in ein kleines Tal gingen, einen kleinen Bach überquerten und dann auf der anderen Seite einen Hügel erklommen. Es erinnerte mich an manche Tage zu Hause auf der Farm.

Es war ein ereignisloser Tagesmarsch, wir begegneten weder Freund noch Feind. Wir hatten überhaupt nichts zu essen, aber wir waren so fest entschlossen die Amerikaner zu finden, dass ich glaube, wir machten uns überhaupt keine Gedanken über Essen. Als die Nacht hereinbrach fanden wir einen stark bewaldetes Gebiet und beschlossen, dass es hier sicher und bequem sei die Nacht hier zu verbringen. Ende April war es natürlich noch etwas frostig, und wir drei hatten nur die Kleider, die wir am Leib trugen. Wir hatten keine Decken, Übermäntel oder sonst irgendetwas zum Zudecken, aber mir fiel ein (wieder aus meinen Pfadfindertagen), dass die beste Art sich unter diesen Umständen warm zu halten und zu schlafen war, sich die Schuhe auszuziehen und sich auf der Seite zusammenzurollen wie ein Kind im Mutterleib, also machten wir es so. Wir schliefen unruhig und erwachten bei Sonnenaufgang.
Das bewaldete Gebiet sah genauso aus wie alle Wälder, die wir in Deutschland gesehen hatten: frei von Unterholz und Totholz, und nur die Bäume selbst gewährten Deckung. Im Nachhinein frage ich mich, warum die deutschen Wälder so frei von Unterholz waren. Es könnte sein, dass es nur darum ging den Wald sauber zu halten, oder es mag sein, dass die Wälder Schritt für Schritt über Jahre von Leuten auf der Suche nach Feuerholz durchkämmt worden waren.

Wie sich herausstellte, war das „bewaldete“ Fleckchen, wo wir die Nacht verbracht hatten, in Wirklichkeit ziemlich offen. Bei Tageslicht konnten wir sehen, dass wir total exponiert gleich neben einer gepflasterten Straße gelagert hatten, wo jeder Vorbeikommende uns leicht hätte sehen können. Aber glücklicherweise schien niemand hier entlang gekommen zu sein. Nun begannen wir den Mangel an Nahrung zu spüren, und es wäre ein großartiger Moment für eine Tasse heißen Kaffee und ein halbes Dutzend Spiegeleier gewesen, aber das waren Hirngespinste. Wir beschlossen auf der Straße weiter in westliche Richtung zu gehen. Wir gingen eine ganze Weile und hofften, dass uns etwas zu Essen über den Weg laufen würde. Es war absolut niemand unterwegs auf der Straße, kein Fußgänger oder sonst etwas, aber bald sahen wir an der Straße liegende Häuser. Als wir an mehr und mehr Häusern vorbei kamen, fiel uns auf, dass jedes Haus eine weiße Fahne zu einem der oberen Fenster heraushängen hatte, offensichtlich um anzuzeigen, dass die Bewohner sich den Amerikanern ergeben wollten. Heute glaube ich, dass die deutschen Zivilisten unheimliche Angst davor gehabt haben mussten, was mit ihnen passieren würde, nachdem sie in der Hand der Alliierten waren.

Wir gingen weiter auf der Straße, die immer noch nach Westen führte. Plötzlich sprangen zwei GIs, die amerikanische Standard-M1-Gewehre trugen, aus dem Seitengraben, wo sie auf jeder Straßenseite als Wache postiert gewesen waren. Mit gezogener Waffe hielten sie uns an und fragten mit befehlender Stimme: „Wer zum Teufel seid ihr?“, worauf ich antwortete: „Ich dachte, ich bin Amerikaner.“ Aber ich war definitiv anders gekleidet als diese beiden. Sie trugen Eisenhower-Jacken, eine Neuerung der amerikanischen Uniformen. Ich hingegen trug natürlich meine 1942er Feldjacke, die von den Deutschen an mich ausgegeben worden war, und die noch mit dem orangen Dreieck in der Mitte des Rückens ausgestattet war. Es gab noch ein zusätzliches Merkmal an meiner Jacke, ein Einschussloch in Brusthöhe, das wahrscheinlich darauf hinwies, was dem Deutschen passiert war, der die Jacke vor mir getragen hatte. Diese beiden GIs hatten vermutlich noch nie eine alte Feldjacke gesehen, wie ich sie trug.

Die beiden Amerikaner und ich unterhielten uns angenehm in Englisch, aber ich musste ihnen trotzdem meine Hundemarke zeigen um zu beweisen, dass ich tatsächlich war, wer ich sagte. Nachdem sie dann zufrieden mit meiner Identität waren, akzeptierten sie mein Wort darüber, wer meine beiden Begleiter waren und funkten für weitere Anweisungen zu ihrer Basis. Diese lauteten, dass einer von ihnen uns zum Basislager begleiten und dann zum Vorposten an der Straße zurückkehren sollte.
Wir waren wirklich entkommen!

Niedergeschrieben für eine Veteranenveranstaltung im Jahr 2002,
ins Deutsche übertragen von Antje Goßler im Mai 2014.

Frederick O. Scheer wäre gern noch einmal nach Adorf zurückgekehrt, insbesondere jetzt, da er maßgeblich zu den Recherchen zum Thema Kriegsgefangene und Zwangsarbeit während des Zweiten Weltkrieges in Adorf beitragen konnte. Aufgrund seines Alters ist dies jedoch nicht mehr möglich, am 15. Juli 2014, also etwa zur Zeit der Veröffentlichung seiner Geschichte, war Frederick O. Scheer 90 Jahre alt geworden. Er lebt mit seiner Familie in Atlanta.

Rederick O. Scheer verstarb im September 2017 im Alter von 93 Jahren in Atlanta.

Mit freundlicher Unterstützung von Frederick O. Scheer, vielen Dank!